26. Juni 2012 – 12:20

machina eX rollt die Kabel ein, knipst die Lichter von Arduino City aus und klappt die Mac Books zu. Denn: es sind Sommerferien.
Leicht erschöpft aber schwer glücklich blicken wir auf eine – man kann’s nicht anders sagen – nice Saison zurück. Wir haben rauchende Cryostasekammern und blinkende Weltkarten gebaut, Sektenchoräle komponiert und unsere Spielerinnen im postapokalyptischen, atomverseuchten Berlin vor die Wahl gestellt, die Menschheit leben zu lassen oder auszurotten. Mit WIR ABER ERWACHEN haben wir im Hebbel Am Ufer unser erstes abendfüllendes Spiel in Berlin gezeigt.
Dabei haben wir gelernt, dass wir die Technik, die Ausstattung und die Performance lieber früher zusammenlöten als später. Und dass Lungenentzündungen keine Pralinen sind. Aber auch und viel schöner haben wir gelernt, dass wir a) mittlerweile eine beträchtliche Stammspielerschaft haben und b) aus unseren Stammspielern harte machina eX-Cracks geworden sind, die unser Regelwerk auswendig kennen, ein Rätsel auf 100 Meter Entfernung erkennen und durch unsere Spiele preschen, dass den unerfahrenen Spielern nur das Staunen bleibt. Das hat dazu geführt, dass wir bereits ernsthaft überlegen, ob wir unsere Spiele nur noch mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden rausrücken dürfen: einen für die Beginner und einen für die Cracks. Ob sich das so gut umsetzen lässt, ist natürlich die Frage. Man stelle sich vor, ein Beginner und ein Crack befinden sich zufällig in einer liebevollen Konstellation zueinander und möchten das neue machina eX Game gemeinsam spielen. Was machen wir dann? Wird dann einer de- bzw. upgraded? Oder müssen wir ihnen das gemeinsame spielen verbieten? Dieses Problem muss für den Moment ungelöst bleiben. Das großartige an unseren Stammspielerinnen ist jedenfalls, dass sie nicht nur gut aussehen und klug sind, sondern dass sie uns ab jetzt zwingen werden, immer neue Objekte zu hacken, uns neue Rätselarten zu überlegen und die Spielerführung neu zu gestalten. Denn: Ihr wollt wiederkommen. Und wir wollen, dass Ihr wiederkommt.
Aber genug der Liebeserklärungen. Direkt nach dem Abbau von WIR ABER ERWACHEN sind wir ins Niki Lauda-Flugzeug gestiegen und haben uns samt 15’000 Gray-Bühnenbild nach Österreich verfrachten lassen. Hier haben wir unseren Einsatz (Pfand) bezahlt und unseren Heurigen (Wein) getrunken und Auslandspremiere gefeiert. Und auch hier auf dem Donaufestival haben wir was gelernt: Selbst bei der 100. Vorstellung von 15’000 Gray müssen wir damit rechnen, dass unsere Spieler Dinge tun, mit denen wir nicht gerechnet haben. Ich kann aus Spoilergründen leider nicht den genauen Tathergang beschreiben, nur so viel: eine Gruppe hat das letzte Rätsel zuerst gelöst. Und es war ein Schraubenzieher im Spiel. Den hatte sich jemand mitgebracht.
Äusserst amüsant war übrigens die Erfahrung, für Festivalpublikum zu spielen (damit meine ich jetzt natürlich das Musikfestival im Gegensatz zum Theaterfestival): Je später der Abend, desto unberechenbarer, heiterer und lauter die Spieler. Das war irgendwie schön.
Zurück in Berlin haben wir uns um die Hälfte verkleinert (die andere Hälfte wurde bzw. hat sich gen Studienabschluss geschickt) und um 1 vergrößert, nämlich um die wunderbare Sounddesignerin Malu Peeters, und sind für Die große Weltausstellung – The World is not fair (goodbye Matthias Lilienthal!) in den ehemaligen Spürhunde-Zwinger auf dem Flughafen Tempelhof eingezogen. Hier, in der Werkstatt des Metatron, haben wir uns neben Schleim- und Fliegenzucht (ersterer wollte immer austrocknen und letztere haben sich nach dem Schlüpfen einfach aus dem Staub gemacht, die Bastarde) mit den Problemen rumgeschlagen, die sich auftun wenn machina eX eine Installation erarbeitet. Verzichten wir auf die Performerinnen, stellt uns die Spielerführung vor einige Herausforderungen. Insbesondere, wenn es um die Lenkung von Aufmerksamkeit geht. Wie damals schon bei crypt [A] haben wir auch hier versucht, den Fokus der Spielerinnen durch Lichtführung zu lenken. Das war nur dann problematisch, wenn jemand auf die Idee kam unsere Lichtführung mit der eigenen Taschenlampe zu überleuchten oder gar das abgedunkelte Fenster aufzureissen, um besser sehen zu können (Momente, in denen sich Robin im Überwachungsraum die Haare rauft). Was wir auf dem Feld ausserdem lernen mussten: Anscheinend macht es niemandem Spass bei Regen durch eine Textilrutsche zu rutschen und auf einem triefend nassen Teppich zu landen (eine Entschuldigung hiermit an die entsetzten Journalisten und Besucher der ersten Runden). machina eX goes outdoors will noch geübt sein. Aber wir hatten einen Turm! Und eine Rutsche! Danke hierfür, Raumlabor.
Gestern haben wir nun den Schleim entsorgt (Respekt übrigens an alle Spieler, die ohne Handschuhe da rein gefasst haben), das Magische Quadrat demontiert und die ganze Technik zum Übersommern in Kisten verpackt. Nur kurz noch, bevor der Sommer losgeht, muss ich einige Kuriositäten erwähnen, die in meine kleine Chronologie der letzten Saison keinen Eingang gefunden haben. Nämlich:
- machina eX ist in den unberechenbaren Weiten des Netzes plötzlich als “the crazy Germans” auf amerikanischen Blogs aufgetaucht und weitergereicht worden, bis nach wired.com sogar.
- machina eX hat versucht mit Sonderschülern und Gymnasiasten zu arbeiten. Und festgestellt, dass die dieses Game-Ding gar nicht besonders cool finden. Und dass die meisten von ihnen eigentlich lieber einen Film gedreht, oder wenn’s sein muss halt klassisches Theater gespielt hätten. Beide Begegnungen (“TUSCH” und Jump & Run hiessen sie) mit Schule/Schülern/Lehrern haben wir aber glücklich, das heisst mit erfolgreich absolvierten Aufführungen, zu Ende gebracht.
- machina eX wäre fast von Eric Zimmerman (er sei hiermit erneut herzlich eingeladen) gespielt worden und ist ganz von Peaches gespielt worden (leichtes Erröten der Autorin an dieser Stelle).
- machina eX und das FFT Düsseldorf haben sich dank dem Doppelpass-Fonds der Kulturstiftung des Bundes zu einer zweijährigen Kooperation vereint, Game ON Stage ist ihr Name und beginnt mit Gastspiel und einem Barcamp im November. (Davon bald mehr.)
- machina eX hat der Homepage des Hauptstadtkulturfonds entnommen, dass da was geht. Eine Rückkehr ins Hebbel Am Ufer ist geplant, für nächstes Frühjahr, und zwar mit Mettigeln, Nadelstreifen und Faltblattanzeige.
So, genug reminisziert. Jetzt bestellt machina eX ungewöhnlich hohe Mengen an Büchern (z.B.: nach 24 Stunden Performance Rallye durch Westberlin (goodbye Mathias Lilienthal!) natürlich “Infinite Jest” von David Foster Wallace und: als Kontrastprogramm und aus gutem Grund auch die Gesamtwerke von Friedrich Schiller) und überlegt, welche Spiele sich für den Strand eignen (z.B.: das von Lasse und Yves gemeinsam mit den Rabtaldirndln getestete und für gut befundene Ultimate Frisbee und: das von den Kollegen von Invisible Playground neu entworfene “Lies In The Sand”).
Nach den vielen Wochen in abgedunkelten, untergeschossigen Räumen kaufe ich erstmal Sonnenmilch mit sehr hohem Schutzfaktor und sage goodbye, bis gleich*.

Yves zeigt, wie Sommer geht.
*In Zürich, genau: Gessnerallee, wo wir für die Saisoneröffnung unser erstes ferngesteuertes Spiel basteln. Ach so und davor noch kurz, als sommerliches Intermezzo, im WUK in Wien, wo wir mit den Rabtaldirndln im Jacuzzi baden.